Interview
23.09.2009
Der direkte Draht zur Politik
Von Irene Stelzmüller
Caféjournal: Wie steht es derzeit um die Wiener Wirtschaft? Schwerpunkt Gastronomie beziehungsweise Kaffeehäuser und Tourismus?
Brigitte Jank: Die Konsumenten geben zwar etwas weniger aus, die Zahl der Gäste ist aber relativ stabil, wie die vielen vollen Lokale zeigen. Im Bereich des Tourismus verzeichnen Hotels vor allem bei den Geschäftsreisenden Rückgänge. Allerdings steigt die Zahl der Touristen aus Osteuropa seit Jahren beachtlich an. Hier gibt es künftig vielversprechende Wachstumsaussichten für den Wiener Tourismus.
Caféjournal: Wie hilft die Wirtschaftskammer Wien den Gastronomiebetrieben und Kaffeehäusern?
Jank: Rechtzeitig vor der Sommersaison ist es uns gelungen, die restriktive Vorgehensweise bei der Bewilligung von Schanigärten erfolgreich zu ändern. Andernfalls hätten viele Gastronomen mit massiven Einbußen rechnen müssen. Zusätzlich arbeiten wir gerade daran, dass die Anti-Korruptionsbestimmungen, deren Hauptleidtragende die Gastronomen und die Kulturbetriebe sind, entschärft werden. Zusätzlich bieten wir neben gastrospezifischen Vorträgen und Seminaren – etwa zu Hygiene, Jugendschutz und technischen Neuerungen – auch Unterstützung und Beratung in Finanzierungs- und Förderfragen. Besonders ausgezahlt hat sich unser Einsatz bei der Umsetzung der neuen Nichtraucherbestimmungen. Hier konnten wir den Betrieben mit guter Beratung helfen, die komplexen gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen.
Caféjournal: Viele Cafetiers können das Wort Krise nicht mehr hören, bekommen diese aber nun mit Verzögerung zu spüren. Insbesondere Cafés in den Außenbezirken, die von Stammgästen leben, haben vereinzelt mit Umsatzrückgängen zu kämpfen. Ist hier seitens der Wirtschaftskammer Wien etwas angedacht, wie man diesen familiär geführten Unternehmen mit meist nur ein oder zwei Angestellten über die schwierige Phase hinweghelfen kann?
Jank: Die WK Wien hat auf das sich verschlechternde Umfeld rasch reagiert und frühzeitig eine Reihe von Maßnahmen und Initiativen ins Leben gerufen. Etwa die Ombudsstelle für Unternehmensfinanzierung, eine Ausweitung der gemeinsamen Kreditaktion von WK Wien und Stadt Wien oder die Unternehmensberatung am Wifi Wien. Die Nachfrage nach unseren Service- und Beratungsleistungen ist seit Jahresbeginn um bis zu 80 Prozent gestiegen. Außerdem unterstützen wir mit unserem ServiceCenter Geschäftslokale bei der Suche nach zukunftsfähigen Standorten. Auch hier verzeichnen wir seit Jahresbeginn eine stark steigende Nachfrage.
Caféjournal: Wie kann man den vielen Café- und Espresso - Betreibern mit Migrationshintergrund vermitteln, dass die Wirtschaftskammer Wien auch deren Interessen vertritt?
Jank: Rund ein Drittel der von Ihnen angesprochenen Unternehmer haben migrantischen Hintergrund. Der Großteil stammt aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien. Aus unserer Beratungspraxis wissen wir, dass Migranten oftmals besondere Anliegen und speziellen Beratungsbedarf haben. Seit längerem bieten wir daher mehrsprachige Informationsbroschüren und Beratungen an. Mit dem Anfang des Jahres eingerichteten Diversity-Referat haben wir unser Angebot an unsere migrantischen Mitglieder weiter verbessert.
Caféjournal: Warum ist es wichtig, dass die Gastronomie und Kaffeehäuser in der WK Wien in eigenen Fachgruppen organisiert sind?
Jank: In Wien gibt es insgesamt mehr als 9.000 Kaffee- und Gasthäuser und Restaurants. Die Fachgruppen sind ihre unmittelbaren Vertreter gegenüber Politik und Behörden und stellen sicher, dass die Anliegen der Betriebe gehört werden.
Caféjournal: Welchen Stellenwert hat für Sie das Wiener Kaffeehaus und wie trinken Sie am liebsten den Kaffee?
Jank: Die rund 3.000 Wiener Kaffeehäuser zählen zu den traditionsreichsten Mitgliedern der Wirtschaftskammer Wien, in denen Kaffee nicht einfach getrunken, sondern in Form von unzähligen Spezialvariationen genossen wird. Der weltberühmte Wiener Kaffee ist beispielhaft für die Tradition, Innovation und Kreativität, die den Wirtschaftsstandort Wien insgesamt auszeichnen. Für mich hat gerade in der Hektik des Arbeitsalltages der Genuss einer Tasse Kaffee im gemütlichen Ambiente eines Kaffeehauses einen ganz besonderen Stellenwert. Am liebsten genieße ich eine Melange in einem der vielen Wiener Schanigärten – und dazu eine Tageszeitung.

CAFEJOURNAL
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